Ostsee im Gegenlicht

Schulden: 1. Näherung

Merkel und die Schwäbische Hausfrau.

Im Zusammenhang mit dem Thema Schulden hat die schwäbische Hausfrau eine - zweifelhafte - Berühmtheit erlangt (1). Dafür sorgte Bundeskanzlerin Merkel in ihrer Rede auf dem CDU Parteitag 2008 in Stuttgart, als sie die Finanzkrise [2007/08) und deren Ursachen ansprach. Unter dem Beifall der Delegierten kritisierte die Kanzlerin die Finanzexperten und hielt ihnen als Vorbild die Lebensweisheit der schwäbischen Hausfrau vor: (2)
„Sie [besagte Hausfrau] hätte uns eine ebenso kurze wie richtige Lebensweisheit gesagt, die da lautet: Man kann nicht auf Dauer über seine Verhältnisse leben. Das ist der Kern der Krise.“ [Beifall]
Diese Aussage ist erstaunlich und man sich fragt, ob die Regierungschefin einer hoch entwickelten Volkswirtschaft wirklich in so schlichten ökonomischen Kategorien denkt. Hat Merkel das wirklich ernst gemeint? Mutmaßungen darüber an anderer Stelle (bald) mehr. Hier soll es um die schwäbische Hausfrau und ihre Lebensweisheit gehen. Erweitern wir zunächst ihre Lebensphilosophie:

Schaffe, schaffe Häusle baue
und ned nach de Mädle [oder auch: Büble] schaue
Und wenn unser Häusle steht,
dann gibt's noch keine Ruh'
denn dann sparen wir, dann sparen wir
für 'ne Ziege und 'ne Kuh

Ökonomisch erfolgreich ist unsere schwäbische Hausfrau, wenn sie ihr monatliches Salär nicht überzieht. Besser noch: Sie verbraucht nicht alles und steckt das Ersparte in den Strumpf. Mit der Zeit kann sich soviel ansammeln, dass sie sich eine Ziege und letztlich sogar ein Häusle leisten kann. Das ist die Tugend der Sparsamkeit, die Schulden vermeidet. Ökonomen werden einwenden, dass unsere schwäbische Hausfrau keinesfalls spart, sondern hortet. Sie entzieht der Volkswirtschaft mit ihrer engen hauswirtschaftlichen Sichtweise Geld, das eigentlich in den Wirtschaftskreislauf gehört. Wenn unsere Hausfrau ein Sparbuch anlegen sollte, auf das ihr monatlicher Überschuss deponiert wird ... dann sprengt sie schon die Sichtweise, die Merkel als Maxime propagiert hat und fängt an, sich in maßvoller Weise systemkonform (im Sinne des Kapitalismus) zu verhalten: Unsere Schwäbische Hausfrau deponiert ihr Geld gegen einen geringen Zins bei der Bank, das funktioniert aber nur, weil jemand einen Kredit nachfragt, sich also verschuldet. Kredit und Sparen gehören in einer Volkswirtschaft zusammen; das eine funktioniert nicht ohne das andere. Vielleicht wird unsere Schwäbische Hausfrau - in kapitalistischen Kategorien weiter denkend - einen Kredit nachfragen, um eine Kuh oder eine Ziege zu kaufen. Volkswirte werden das als Investition bezeichnen und befürworten, wenn diese Anschaffung betriebswirtschaftlich sinnvoll erscheint.
Mit der Schwäbischen Hausfrau also, zumindest in ihrer Reinform, wie Merkel sie vertritt, kommen wir also im modernen Wirtschaftsleben des Kapitalismus nicht weiter. Wenn also Merkels Lob der Schwäbischen Hausfrau heute ökonomischer Unsinn ist, eine Botschaft können wir der Anpreisung aber entnehmen und dabei verweise ich auf den Beifall auf dem Parteitag. Viele Menschen denken, was die Ökonomie betrifft, in den - durchaus sinnvoll - engen Bahnen ihrer monatlichen Haushaltsführung. Ihnen fehlt aber der Blick dafür, dass eine Volkswirtschaft und auch ein Bundeshaushalt nach anderen Regeln funktioniert als ein Privathaushalt.
Unsere erweiterte Schuldenuhr, die auch nach den Vermögen fragt, hat diese Erkenntnis mit der Vermögensuhr berücksichtigt und so einen Zusammenhang zwischen der Verschuldung und den Vermögen hergestellt: Denn wer stellt dem Staat das Geld zur Verfügung. Es muss ja irgendwo herkommen.
Aus der Vielzahl der Stellungnahmen zu Merkels Lob der Schwäbischen Hausfrau sei ein Titel besonders empfohlen: (Textzugang).

(1) Mittlerweise gibt es zahlreiche Stellungnahmen über Merkel und die Schwäbische Hausfrau. Eine kleine Auswahl kann hier [on work] eingesehen werden.
(2) Bericht der Vorsitzenden der CDU Deutschlands (Tagesordnungspunkt 8), zu finden im online-Protokoll http://www.kas.de/upload/ACDP/CDU/Protokolle_Parteitage/2008-11-30-12-02_Protokoll_22.Parteitag_Stuttgart.pdf