Ostsee im Gegenlicht

Goyas Capricho 43 - Spiel mit Bedeutungen

1799 veröffentlichte Francisco de Goya, Erster Maler am Hofe Karls IV. (1788–1808) von Spanien, seine Caprichos ( ursprüngl. Bed. Launen, Einfälle). In diesem gesellschaftskritischen Zyklus setzte er sich neben anderem kritisch mit den herrschenden Institutionen Spaniens auseinander, Kirche, Adel und Inquisition. Im damaligen Spanien ein lebensgefährliches Unterfangen, zumal das Land auch noch vom Frankreich der Revolution und Napoleons in kriegerische Auseinandersetzungen verwickelt war.
Eine besondere Berühmtheit hat das Blatt 43 erlangt, diese Radierung ist auf der Titelseite dieser Webseite abgebildet. Ein Grund für die Berühmtheit dürfte sich aus einer Besonderheit der spanischen Sprache ergeben: die doppelte Bedeutung des Nomens sueño im Titel dieser Radierung: Der Schlaf / Traum der Vernunft gebiert Ungeheuer. Nähere Informationen dazu gibt der Aufsatz von Stefan Nehrkorn auf der 78. Sitzung der HUMBOLDT-GESELLSCHAFT, im Internet nachzulesen auf der Webseite der Gesellschaft. Eine recht zuverlässige Information zu dieser Radierung bietet auch der entsprechende Wikipedia-Artikel. In diesen Artikeln können Interessierte auch Einzelheiten zur den unterschiedlichen Deutungen erfahren, die sich aus der begrifflichen Doppelheit (Schlaf oder Traum) des Wortes sueño ergeben:
Sah Francisco Goya in der Abwesenheit von Vernunft die Ursache für eine Gesellschaft, die von monsterartige Wesen beherrscht wird? Oder war es der Traum einer - dann wohl absoluten - Vernunftsherrschaft, der eine Gesellschaft des Schreckens (Herrschaft der Monster) hervorruft? Zeitgenossen Goyas hätten bestimmte Phasen der Französischen Revolution in einer solchen Herrschaft wiederentdecken können. Beide Deutungen können gewichtige Argumente für ihre Richtigkeit vorlegen; gemeinsam ist ihnen, dass sie methodisch von der Sichtweise Goyas ausgehen. Kommunikationstheoretisch gesehen eine senderorientierte Sichtweise.
Sieht man aber das Verstehensproblem vom Rezipienten aus, ist der Verstehensprozess an den Horizont des Empfängers gebunden: Und dann haben beide Varianten (oder auch Mischformen) prinzipiell ihre Berechtigung: Die Geschichte ist ein Sammelbecken von Schreckensszenarien für beide Varianten.
Es sei noch auf den Aufsatz Rasend Vernünftig von Barbara Bleisch verwiesen(1). Die Philosophin verweist auf I. Kant, der in seiner Anthropologie in pragmatischer Hinsicht auf eine bestimmte Form der Paranoia verweist: der überbordenden Vernunft. Diese sei keine Form der Unvernunft, sondern der Übervernunft.

(1) https://barbarableisch.ch/wp-content/uploads/2024/04/Kant_Introstrecke.pdf