Seelandschaft

Medienwelten und Mainstream

1. Kurzer Rückblick auf die Gutenberg-Galaxis
2. Terminologisches: Manipulation, Mainstraim und Bewußtseinsindustrie
3. Schweigende Lämmer und ihre Hirten

1. Kurzer Rückblick auf die Gutenberg-Galaxis

Der in der Überschrift verwendete Begriff nimmt den Titel einer epochalen Untersuchung zum Thema auf: Die Gutenberg Galaxis. Das Ende des Buchzeitalters, 1962 verfasst vom Kommunikationswissenschaftlers, Marshall McLuhan. Es ist ein weitgespannter Blick über die vom Buchdruck geprägte Neuzeit, wobei die Vorformen nicht ausgespart sind. In oft aphoristischer Manier werden alle kulturgeschichtlichen Winkel angeleuchtet, aber nicht ausgeleuchtet, um im Bild zu bleiben. Kritiker wie Hans Magnus Enzensberger(1) haben - zu Recht wie ich meine - die wenig systematische Arbeitsweise bemängelt, und dies in drastischen Worten: "Heute hat diese apolitische Avantgarde [Medientheoritiker der 60er Jahre] ihren Bauchredner und Propheten in ... McLuhan gefunden, einem Autor, dem zwar alle analytischen Kategorien zum Verständnis gesellschaftlicher Prozesse fehlen, dessen wirre Bücher aber als Sandgrube unbewältigter Beobachtungen an der Bewußtseins-Industrie dienen können."(1) Eine scharfsinnige Kritik, auch aus heutiger Sicht. Auf eine weitere Ursache der Nicht-Verbreitung von Information und Wissen geht McLuhan in der beschriebenen Manier an verstreuten Stellen seines Werkes an: Zensur. (2) Allerdings gibt es subtilere Formen, um Aufklärung und Information zu unterdrücken, gerade in Gesellschaften, die sich als liberal und meinungsoffen verstehen, die Freiheit der Meinungen in ihren Grundrechtskatalog aufgenommen haben. Wie das funktioniert, hat in Deutschland der zitierte Theoretiker H.M. Enzensberger in seinen Studien (3) dargelegt hat. Sein zentraler Begriff, Bewußtseinsindustrie prägte die Kritik der 68er-Medientheorie und fand in dem heute noch verlegten Buch Einzelheiten der BewußtseinsIndustrie starke Verbreitung; im universitären Raum und bei der kritischen Öffentlichkeit. Ein anderer, ebenfalls zentrale Begriff - Mainstream , wurde in einem viel beacheten Aufsatz von dem US-amerikanischen Kritiker Noam Chomsky für die Medienkritik verwendet (4). Zusammen mit dem Begriff Manipulation sollen diese zentralen Begriffe in dem folgenden Abschnitt vorgestellt werden.

2. Terminologisches: Manipulation, Mainstream und Bewußtseinsindustrie

Der Begriff - Manipulation soll in erster Näherung der Definition von Edward L. Bernays folgen, dessen Studien zur Propaganda politisch höchst unterschiedliche Personen gelesen haben:(5)
Die bewusste und zielgerichtete Manipulation der Verhaltensweisen und Einstellungen der Massen ist ein wesentlicher Bestandteil demokratischer Gesellschaften. Organisationen, die im Verborgenen arbeiten, lenken die gesellschaftlichen Abläufe. Sie sind die eigentlichen Regierungen in unserem Land. Wir werden von Personen regiert, deren Namen wir noch nie gehört haben. Sie beeinflussen unsere Meinungen, unseren Geschmack, unsere Gedanken. Doch das ist nicht überraschend, dieser Zustand ist nur eine logische Folge der Struktur unserer Demokratie.
Enzensberger bescheinigt dem ManipulationsBegriff großen heuristischen Nutzen, sieht aber die Gefahr, dass dieser Begriff zu einem bloßen Schlagwort verkommen ist. Hervorhebenswert ist, dass nicht nur Kritiker, sondern auch üble Propagandisten wie Goebbels die Arbeiten von Bernays genau studiert haben.
- Mainstream. - Bezogen auf die Medienlandschaft hat sich der Linguistik und spätere Globalisierungskritiker Noem Chomsky in seinem Aufsatz What Makes Mainstream Media Mainstream mit den trendbestimmenden Medien beschäftigt und diese den Elitemedien zugeordnet. Seine Ausführungen basieren auf dem Ansatz von E.L. Bernays und seine Studie What makes Mainstream, die hier in deutscher Übersetzung, nachgelesen werden kann, hat zentrale Bedeutung. Deswegen sollen zentrale Gedanken dieses Aufsatzes hier vorgestellt werden [eigene Zusammenfassung]:
Die Elitemedien stecken den Rahmen ab, in dem die restlichen Medien operieren. Wenn man sich Agenturen wie Associated Press ansieht, die eine permanente Nachrichtenflut ausstoßen, stellt sich heraus, dass dieser Strom vermischter Nachrichten jeden Nachmittag durch die Meldung unterbrochen wird: “An die Redaktionen: auf der Titelseite der New York Times werden morgen folgende Berichte erscheinen.” Für Journalisten - Chomsky nennt ein Beispiel - die sich nicht die vorgegebenen Leitmedien halten, können persönliche oder berufliche Nachteile eintreten. Es gibt eine Menge von Machtmechanismen, durch die jemand, der aus der Reihe tanzt, wieder auf Linie gebracht werden kann. Wenn man versucht, das Regelwerk des Systems zu sprengen, wird man sich nicht lange darin halten können. All das funktioniert recht gut, und es ist nicht schwer zu erkennen, daß sich darin lediglich ganz offenkundige Machtverhältnisse äußern. Welches sind die Elitemedien, die die Tagesordnung für den Rest festlegen? Nun, zum Beispiel solche wie die New York Times und CBS. Das sind zuallererst einmal große, sehr profitable Kapitalgesellschaften. Darüber hinaus haben die meisten von ihnen enge Verbindungen zu weit größeren Konzernen wie General Electric, Westinghouse oder gehören direkt dazu. Sie mischen ganz oben in der Machtstruktur der Privatwirtschaft mit, und diese Struktur ist extrem tyrannisch. Die großen Kapitalgesellschaften sind strukturell gesehen Tyranneien: sie sind hierarchisch und werden von der Spitze aus kontrolliert. Und wer sich damit nicht abfinden will, fliegt raus. Was die Recherchen betrifft, untersucht Ch. die US-amerikanischen Universitäten und ihre Abhängigkeit von der Industrie. Zensur und institutionelle Struktur der Medien: Er fragt: Wie kommt es zu dieser Art von Zensur? Ihm zufolge liegt das erstens daran, dass die Presse den Reichen gehört, denen es lieber ist, wenn bestimmte Dinge nicht das Licht der Öffentlichkeit erblicken. Zweitens, so Orwell, lernt man im Rahmen des Erziehungs- und Ausbildungssystems der Elite, zum Beispiel an renommierten Universitäten wie der von Oxford, dass es gewisse Dinge gibt, die man besser nicht erwähnt, dass es gewisse Gedanken gibt, die man besser nicht zulässt. Damit meint er die sozialisierende Rolle der Eliteinstitutionen: Wenn man sich hier nicht anpasst, hat man in der Regel schon verloren. Und mit diesen wenigen Bemerkungen ist das Wesentliche eigentlich schon gesagt.
> Diese Überlegungen sind auch nach über 20 Jahren bestimmend, ob in Amerika oder Europa. Heute würde man die Stellung der Medienkonzerne stärker betonen und müsste das Internet und seine Konzerne in die Studie einbeziehen. In Deutschland hat übrigens der Begriff Bewusstseinsindustrie (1) eine ebenso große Bedeutung, wie im folgenden skizziert wird.
- Bewusstseinsindustrie, dieser Begriff wird in Anlehnung an Hans Magnus Enzensbergers 'Klassiker' Einzelheiten I Bewußtseinsindustrie von 1964 verwendet. Buchtitel Ein immer noch lesenswertes Buch, das auch der (unterhaltsamen) Einführung in die Thematik dient; hier sei besonders auf die Kritik an der FAZ verwiesen mit dem schönen Titel Journalismus als Eiertanz. Beschreibung einer Allgemeinen Zeitung für Deutschland.
Der ebenfalls enthaltene Aufsatz zur sprachlichen und ideologiekritischen Kritik des Spiegel hat, wie der Verf. aus eigener Erfahrung weiß, vielfältige Beachtung in den germanistischen Seminaren erhalten. Das gilt auch eingeschränkt für die Untersuchung des Neckermann-Katalogs. Enzensberger hat also Theorie und Praxis der Medienkritik in diesem Band verknüpft. Anders seine Studie Baukasten zu einer Theorie der Medien (s. Abb. des Kursbuches li. und Fußnote 6), die als Konzept einer Medientheorie der 68er Bewegung begriffen werden kann. Aus heutiger Sicht ist bemerkenswert, dass Enzensberger schon 1970 die Bedeutung der elektronischen Medien erkennt und sie für sein Konzept fruchtbar machen will. Er beschränkt sich auch nicht auf eine Kritik der bürgerlich-kapitalistischen Medienlandschaft, sondern konzipiert die Utopie einer herrschaftsfreien Medienwelt in der Hand der Massen. Rückblickend mag das "idealistische" Verständnis dieser Massen dem Zeitgeist der 68er Bewegung verpflichtet sein und sich als Utopie erwiesen haben: Dass aber der Gedanke einer herrschaftsfreien Kommunikation mündiger Teilnehmer nicht eingelöst wurde, ändert nichts an der Tragweite der Überlegungen. Es ist wohl ein Ziel formuliert, das als Anspruch über die zeitlichen Entwicklungen bestehen bleibt.

3. Schweigende Lämmer und ihre Hirten

2018 hat Rainer Mausfeld in seinem Buch "Warum schweigen die Lämmer?" die Überlegungen Chomskys und Enzensbergers wieder aufgenommen und an die ersten Jahrzehnte des 21. Jahrhunderts angepasst. Im Untertitel wird eine zentrale These des Buches benannt:Wie Elitendemokratie und Neoliberalismus unsere Gesellschaft und unsere Lebensgrundlagen zerstören. Der zweite Leitbegriff, Neoliberalismus, verweist auf eine Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, die seit über 20 Jahren in den meisten westlichen Staaten dominiert. Nur Teile der Grünen und Sozialdemokaten, aber die gesamte Linke stehen dazu in Opposition. Die wissenschaftlichen und publizistischen Darstellungen zum Neoliberalismus sind zahlreich; der Verfasser dieser Webseite nimmt für sich in Anspruch, eine kritische, aber faire Abhandlung geschrieben zu haben. Diese kann hier gelesen bzw. heruntergelanden werden. - Anders ist es mit dem zweiten Leitbegriff, Elitendemokratie. Der Begriff schränkt per se demokratischer Verfahrensweisen ein, was sicherlich beim gesellschaftlichen Mainstream auf Widerspruch stoßen dürfte. Wie diese Einschränkung demokratischer Willensbildung oder - anders formuliert - die Ausschaltung weiter Teile der Bevölkerung von der politischen Teilhabe etabliert wurde, ist in Mausfelds Untersuchung in 9 Kapiteln eingehend untersucht. Wer sich hier im Vorwege über den gedanklichen Ansatz des Buches und seine Kernaussagen informieren möchte, wird auf einen Vortrag verwiesen, den Mausfeld im November 2016 gehalten hat. Dieser trägt den Titel Die Angst der Machteliten vor dem Volk. In diesem Vortrag geht er auch auf die Metapher „Warum schweigen die Lämmer?“ ein, die dann den Titel des Buches bilden sollte. Diese Metapher lässt sich in die Antike zurückverfolgen und ist eigentlich immer auch schon eine politische Aussage, weil sie Bevölkerung in Hirten und LämmerHirte und Lämmer, in Herrscher und Beherrschte einteilt. Wahrscheinlich haben sich die Kirchen als Institutionen, die die christliche Lehre seit Jahrtausen-den bzw. Jahrhunderten autoritär verwalten, diese Metapher bewusst übernommen und ihrer Klientel (die Gläubigen) schon begrifflich die Untertanenfunktion zugewiesen. Die Herrscherattitüde wird dann begrifflich bemäntelt und beschönigt, wenn von Pastoren, den Schäfern und Schutzbefohlenen, den Lämmern salbadert wird. Entsprechendes gilt, und da ist Mausfeld unbedingt zuzustimmen, auch im säkularen Raum der Politik. Immer schon hat die Demokratie in Theorie und Praxis versucht, basisdemokratische Ansätze zurückzudrängen, wie in einem Rekurs auf die Französische Revolution gezeigt werden soll (under construction). Die faktische Dominanz bestimmter gesellschaftlicher Gruppen, die sich als Eliten verstehen,stößt aber seit dem 20. Jahrhundert vielfach auf Widerstand, also muss die beanspruchte Herrschaft über das Volk verschleiert werden. Dazu werden eine Reihe recht raffinierter Manipulationsstrategien verfolgt, die Mausfeld in seinem Buch (und in dem genannten Aufsatz) präzise analysiert.
Möglichkeiten emanzipatorischen Handels, wie Mausfeld die Gegenöffentlichkeit nennt, wird berücksichtigt (S.20f.), aber recht pessimistisch beurteilt. Das bedarf m.E. einer Korrektur, deshalb auch ein eigener Menüpunkt Gegenöffentlichkeit auf dieser Website.
Unberücksichtigt bleiben hier die verschwörungsstheoretischen und reaktionären bis rechtsradikalten Bewegungen, die sich im Internet plaziert haben, für diese gibt es einen spezielle Seite, s. Menüleiste.
(1) Enzensberger, Hans Magnus 1970: Baukasten zu einer Theorie der Medien. - In: Kursbuch 20, Suhrkamp Verl. S. 177
(2) McLuhan, Marshall 1995: Die Gutenberg-Galaxis. Das Ende des Buchzeitalters - Bonn u.a. Addison-Wesley
(3) Enzensberger, Hans Magnus 1962: Einzelheiten I Bewußtseins-Industrie. - Frankfurt Suhrkamp Verlag (=edition suhrkamp 63)
(4) Chomsky, Noam 1997: What Makes Mainstream Media Mainstream. - In: ZMagazine, October [ursprüngl. Vortrag]. In deutscher Sprache im Internet verfügbar unter dem Titel Der Mythos der freien Presse nachzulesen im Netz s. https://le-bohemien.net/2011/02/12/der-mythos-der-freien-presse/
(5) zitiert nach den Nachdenkseiten Titel Bewusstseins-Industrie vom 2.1.2017 mit anschließendem lesenswerten Interview mit Jörg Becker. s. https://www.nachdenkseiten.de/?p=36428
(6) Enzensberger, Hans Magnus 1970: Baukasten zu einer Theorie der Medien. - In: Kursbuch 20, Suhrkamp Verl. S. 163